Kind, mach nur nichts mit Computern!

Es gibt Sätze, die sagt man als Vater irgendwann halb im Spaß, halb im Ernst und halb aus der eigenen beruflichen Müdigkeit heraus. Ja, das sind drei Hälften. Willkommen im Erwachsenenleben.

„Kind, mach nur nichts mit Computern.“

Ich weiß nicht mehr, ob ich diesen Satz zu oft gesagt habe. Vermutlich oft genug, dass er hängen geblieben ist. Vielleicht auch nur einmal, aber mit genug väterlicher Schwere im Unterton, dass er direkt irgendwo zwischen Hausaufgaben, Abendessen und „zieh dir eine Jacke an“ im Langzeitgedächtnis gelandet ist.

Und was soll ich sagen: Es hat gewirkt.

Meine Tochter ist zwar das, was man heute liebevoll und leicht genervt einen Klischee-Smombie nennen könnte. Smartphone in der Hand, Blick nach unten, Welt über WLAN erreichbar, Akku unter 20 Prozent ist akute Lebensgefahr. Aber Ambitionen, beruflich irgendwas mit Rechnern zu machen? Null. Gar nichts. Keine Begeisterung für Ticketsysteme, keine romantischen Gefühle für Excel, keine Sehnsucht nach Projektplänen, Schnittstellen, Servern, Updates, Rollouts oder Menschen, die in Meetings sagen: „Wir müssten das mal ganzheitlich denken.“

Ein Teil von mir ist erleichtert. Der andere Teil ist verdammt stolz.

Erst Bogen, dann Wein, dann Bier

Andere Jugendliche suchen sich Praktika, bei denen man möglichst wenig dreckig wird und nach drei Tagen sagen kann: „War okay.“ Meine Tochter ist da offenbar anders abgebogen.

Ihr erstes Praktikum war bei einem Bogenbauer.

Nicht irgendwo im klimatisierten Büro, nicht zwischen Whiteboards und Obstkorb, sondern in einem Handwerk, bei dem Material, Spannung, Geduld und Präzision zusammenkommen müssen. Sie hat gelernt, wie man einen Sportbogen baut. Also nicht nur irgendein Ding aus Holz und Sehne, sondern ein Werkzeug, das funktionieren muss. Das gerade sein muss, belastbar, sauber gearbeitet. Ein Stück Handwerk, das am Ende in der Hand liegt und nur dann gut ist, wenn vorher jemand verdammt genau wusste, was er tut.

Das ist schon ziemlich großartig.

Das zweite Praktikum war bei einem Winzer.

Auch wieder nichts mit Rechnern. Eher Erde, Reben, Wetter, Handwerk, Geduld und dieses merkwürdige Zusammenspiel aus Natur, Erfahrung und Können. Etwas, das man nicht einfach mit einem Softwareupdate geradebiegt. Wenn der Jahrgang Mist baut, klickt man nicht auf „Wiederherstellen“. Dann lernt man. Oder flucht. Vermutlich beides.

Das dritte Praktikum? Brauerei.

Bogen. Wein. Bier.

Man könnte sagen: Das Kind arbeitet sich konsequent durch die zivilisatorisch wichtigen Dinge. Erst lernt sie, wie man zielt. Dann, wie Geduld schmeckt. Und dann, wie man Bier macht. Schlechter kann man sich als junger Mensch nun wirklich nicht orientieren.

Ich finde das großartig.

Handwerk ist kein Plan B

Es gibt diesen unangenehmen Reflex, den viele Erwachsene haben. Alles, was nicht Studium, Büro, Laptop und LinkedIn-Bullshit-Bingo ist, wird heimlich als zweite Wahl betrachtet. Als hätte jemand verloren, nur weil er oder sie mit den Händen arbeitet. Als wäre Handwerk etwas, das man macht, wenn „mehr“ nicht drin war.

Was für ein Quatsch.

Wir brauchen junge Menschen, die Lust auf echtes Arbeiten haben. Die wissen wollen, wie Dinge entstehen. Die nicht nur konsumieren, wischen, scrollen und bewerten, sondern anpacken. Die verstehen, dass Können nicht aus einem Zertifikat kommt, sondern aus Wiederholung, Fehlern, Erfahrung, Dreck unter den Fingernägeln und Menschen, die einem zeigen, wie man es richtig macht.

Ein Bogen entsteht nicht durch gutes Zureden. Wein wächst nicht, weil jemand einen Projektplan malt. Bier braut sich nicht durch ein inspirierendes LinkedIn-Posting.

Da muss jemand ran.

Handwerk ist kein Plan B.

Handwerk ist Rückgrat.

Und wenn meine Tochter daran Interesse hat, dann soll sie diesen Weg gehen. Ihren Weg. Nicht meinen. Nicht den Weg, den irgendein Berufsberater mit Standardfolie empfiehlt. (Empfehlung war: MTA) Nicht den Weg, den ältere Leute für vernünftig halten, weil sie selbst irgendwann mal aufgehört haben, mutig zu sein.

Sie soll ausprobieren. Scheitern dürfen. Wieder aufstehen. Entscheiden. Sich umentscheiden. Weitergehen.

Genau so findet man raus, wer man ist.

Nicht auf die alten Säcke hören

Natürlich gibt man als Vater Ratschläge. Das gehört zum Paket nunmal dazu. Man bekommt mit dem Kind nicht nur Verantwortung, Sorgen und graue Haare, sondern offenbar auch das Bedürfnis, ungefragt Lebensweisheiten abzusondern.

Manchmal sind diese Ratschläge sogar gut. Manchmal sind sie einfach nur der Versuch, die eigenen Erfahrungen wie eine Warnweste über das Leben des Kindes zu werfen.

Aber Kinder müssen nicht unser Leben wiederholen. Sie müssen nicht unsere Fehler vermeiden, nur weil wir sie ihnen sauber beschriften. Sie müssen ihre eigenen Umwege nehmen. Ihre eigenen dummen Entscheidungen treffen. Ihre eigenen Aha-Momente erleben. Sonst gehört der Weg am Ende nicht ihnen.

Und ja, vielleicht habe ich diesen Satz gesagt: „Mach nur nichts mit Computern.“

Vielleicht war das ein Rat. Vielleicht eine Drohung. Vielleicht ein Hilferuf eines Vaters, der zu viele Projekte, zu viele Meetings und zu viele Menschen erlebt hat, die „kurz abstimmen“ wollen und dann 90 Minuten lang nichts sagen.

Aber wenn sie daraus mitgenommen hat, dass sie sich lieber echte Berufe anschaut, echte Betriebe, echtes Handwerk, dann war der Satz vielleicht gar nicht so schlecht.

Aus Versehen gut erzogen. Passiert den Besten.

Stolz, aber nicht im Weg

Ich bin stolz auf sie. Nicht, weil sie macht, was ich will. Sondern weil sie offenbar beginnt, etwas Eigenes zu wollen. Das ist viel mehr wert.

Sie muss nicht perfekt sein. Muss nicht immer vernünftig sein. Muss nicht jeden Tag aussehen, als hätte sie einen Fünfjahresplan in der Tasche. Sie darf Teenager sein. Mit Smartphone. Mit Laune. Mit geräuschvollem Augenrollen (DAS HAT SIE DEFINITIV VON MIR). Mit diesem Gesichtsausdruck, der einem als Vater sehr deutlich sagt: „Du bist peinlich, aber ich brauche später trotzdem Geld.“

Alles okay.

Ich muss nicht alles verstehen, was sie macht. Ich muss nicht jeden Schritt kommentieren. Ich muss nicht jeden Weg vorher freiräumen.

Aber ich bin da.

Und ja, selbstverständlich würde ich sie auch mitten in der Nacht irgendwo einsammeln. Egal wo. Egal wann. Egal wie genervt ich vielleicht am Telefon klinge. Das ist der Deal. Sie kann ihren Weg gehen, aber sie muss ihn nie komplett allein gehen.

Manchmal reicht es, wenn jemand im Hintergrund steht und sagt: „Mach. Ich bin da, falls es brennt.“

Oder falls der Akku leer ist.

Der Musikgeschmack ist immerhin gerettet

Bei aller Freiheit muss man als Vater aber auch klare Erfolge benennen dürfen.

Ihr Musikgeschmack ist hervorragend. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Da wurde frühkindlich sauber gearbeitet. Iron Maiden, Metallica, Die Toten Hosen und der ganze notwendige Krach, damit ein Kind nicht irgendwann freiwillig nur weichgespülten Algorithmus-Pop hört und denkt, das sei Kultur.

Man muss die Kinder nicht zu etwas zwingen. Aber man darf ihnen zeigen, wo die Gitarren hängen.

Und wenn dann später irgendwo ein Song läuft und sie nicht komplett ahnungslos schaut, sondern wenigstens erkennt, dass da gerade mehr passiert als drei Akkorde aus der Influencer-Hölle, dann weiß man: Ein bisschen Erziehung hat funktioniert.

Vielleicht macht sie nichts mit Computern.

Vielleicht wird sie Bogenbauerin. Vielleicht Winzerin. Vielleicht landet sie in einer Brauerei. Vielleicht macht sie am Ende doch etwas völlig anderes. Vielleicht überrascht sie uns alle.

Soll sie. Hauptsache, sie geht los.

Ich liebe dieses Kind. Ich respektiere ihren Weg. Und ich hoffe, sie behält sich genau diese Mischung aus Neugier, Sturheit und eigenem Kopf.

Die Welt braucht nicht noch mehr Menschen, die brav das machen, was andere ihnen als vernünftig verkauft haben. Braucht mehr „Punks“

Sie braucht junge Leute, die selbst rausfinden wollen, was Spannung hat, was reift und was am Ende vielleicht sogar richtig gut schmeckt.

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