Der langsame Tod der Techblogs: Frisst die KI gerade das Internet, das wir einmal kannten?
Ende September 2026 hat es mit Android Central eines der bekanntesten Android-Portale erwischt. Der Eigentümer Future hat die verbliebene festangestellte Redaktion entlassen. Die Webseite selbst soll zwar weiterlaufen, künftig offenbar mit freien Autoren, aber irgendwie fühlt sich das an, als würde man einem Patienten die lebenserhaltenden Geräte abschalten und anschließend behaupten, es gehe ihm eigentlich ganz gut. Die Domain ist noch da, das Logo ebenfalls, vielleicht erscheinen auch weiterhin täglich neue Artikel. Aber ist das noch dasselbe Medium?
Phil Nickinson, der Android Central von 2010 bis 2016 leitete, hat dazu einen bemerkenswerten und ziemlich melancholischen Beitrag veröffentlicht. Unter dem Titel „On the death of Android Central“ blickt er auf die goldenen Jahre des Android-Journalismus zurück und beschreibt eine Branche, die sich langsam selbst auffrisst. Seine Gedanken gehen allerdings weit über das Schicksal einer einzelnen Webseite hinaus. Denn was wir hier beobachten, könnte erst der Anfang einer Entwicklung sein, an deren Ende ein Internet steht, das mit dem heutigen nur noch wenig gemeinsam hat.
Ein Internet, in dem Menschen noch etwas zu erzählen hatten
Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als man morgens seine Lieblingsblogs öffnete? Als RSS-Reader voller neuer Artikel steckten, Technikforen lebendig waren und man sich durch verschiedene Webseiten klickte, weil man wissen wollte, was andere Menschen über neue Smartphones, Betriebssysteme oder Technologien dachten? Damals hatten viele Techblogs noch eine erkennbare Persönlichkeit. Man kannte die Autoren, ihre Vorlieben, ihre Eigenheiten und manchmal auch ihre ziemlich bekloppten Meinungen. Natürlich gab es schon damals reichlich belanglosen Content, kopierte Pressemitteilungen und Artikel, die ausschließlich für Google geschrieben wurden. Trotzdem hatte das Netz etwas, das zunehmend verloren zu gehen scheint: Man besuchte Webseiten nicht nur wegen einer Information, sondern auch wegen der Menschen dahinter.
Genau diesen Punkt spricht Nickinson in seinem Rückblick an. Nicht die ständigen Produktvorstellungen, das Umschreiben identischer Pressemitteilungen oder die Suchmaschinenoptimierung vermisst er, sondern die Kollegen und die Menschen, die seine Arbeit gelesen haben. Das ist ein bemerkenswerter Gedanke in einer Branche, in der sich inzwischen fast alles um Reichweite, Klickzahlen und wirtschaftliche Verwertbarkeit dreht. Und vielleicht ist genau das unser eigentliches Problem. Wir haben irgendwann angefangen, Webseiten nur noch als Lieferanten von Informationen zu betrachten. Jetzt kommt die künstliche Intelligenz und zeigt uns, dass sie diese Informationen noch schneller und bequemer ausliefern kann. Nur braucht sie dafür keine klassische Webseite mehr, die wir selbst besuchen müssen.
Warum noch suchen, wenn die KI bereits antwortet?
Hand aufs Herz: Wie oft habt ihr in den vergangenen Monaten tatsächlich noch eine klassische Google-Suche gestartet, euch durch mehrere Ergebnisse geklickt und verschiedene Artikel gelesen? Und wie oft habt ihr stattdessen einfach ChatGPT, Gemini, Perplexity oder einen anderen KI-Assistenten gefragt?
Das Suchverhalten verändert sich. Zwar wäre die Behauptung, heute würde kaum noch jemand googeln, übertrieben. Doch die Richtung ist unverkennbar: Wir bewegen uns von einer Welt, in der wir Informationen suchen, zu einer Welt, in der uns Maschinen fertige Antworten präsentieren.
Eine Untersuchung des Pew Research Center aus dem Jahr 2025 liefert dafür ein interessantes Signal. Erschien bei einer Google-Suche eine KI-Zusammenfassung, klickten Nutzer nur bei 8 Prozent der untersuchten Suchvorgänge auf ein klassisches Suchergebnis. Ohne KI-Zusammenfassung waren es 15 Prozent. Die direkt in der KI-Antwort aufgeführten Quellen erhielten sogar nur in etwa einem Prozent der Fälle einen Klick. Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung des Surfverhaltens von 900 Erwachsenen in den USA und sind kein universeller Beweis für einen durch KI verursachten Trafficverlust. Aber sie zeigen ziemlich eindrucksvoll, wohin sich die Aufmerksamkeit verschiebt.
Für Leser ist das zunächst großartig. Warum fünf Webseiten öffnen, wenn eine KI die gewünschte Antwort in wenigen Sekunden zusammenfasst? Warum einen umfangreichen Testbericht lesen, wenn man direkt fragen kann, welches Smartphone die bessere Kamera besitzt? Warum eine Anleitung mit 2.000 Wörtern durcharbeiten, wenn ein Chatbot einem die notwendigen Schritte erklären kann?
Für die Betreiber der Webseiten, auf deren Informationen solche Antworten beruhen, sieht die Sache allerdings deutlich beschissener aus.
Die KI frisst das Internet, von dem sie lebt
Hier steckt ein Widerspruch, über den meiner Meinung nach noch viel zu wenig gesprochen wird. KI-Systeme sind auf Informationen angewiesen. Auf recherchierte Artikel, Tests, Dokumentationen, Erfahrungsberichte, Diskussionen und auf all das Wissen, das Menschen über viele Jahre im Internet veröffentlicht haben. Doch genau diese Inhalte werden wirtschaftlich zunehmend entwertet, wenn ihre Leser die ursprünglichen Quellen nicht mehr besuchen.
Ein Technikredakteur testet ein neues Smartphone, dokumentiert seine Erfahrungen, macht Fotos, vergleicht die Kamera mit Konkurrenzgeräten und veröffentlicht einen ausführlichen Bericht. Stunden oder Tage Arbeit stecken darin. Wenig später kann ein KI-System einem Nutzer die wesentlichen Erkenntnisse zusammenfassen, ohne dass dieser jemals den ursprünglichen Artikel lesen muss. Vielleicht wird die Quelle genannt, vielleicht auch nicht. Und selbst wenn sie genannt wird, bedeutet das noch lange nicht, dass jemand darauf klickt.
Die Information kommt beim Nutzer an. Die Aufmerksamkeit, mit der ihre Entstehung bisher finanziert wurde, bleibt auf der Strecke.
Was passiert also, wenn irgendwann immer weniger Menschen bereit oder in der Lage sind, diese Informationen überhaupt noch zu erstellen? Wenn Redaktionen verschwinden, unabhängige Blogs aufgeben und ausführliche Tests durch automatisch produzierte Zusammenfassungen ersetzt werden? Woher beziehen KI-Systeme dann ihre neuen Informationen?
Natürlich werden weiterhin Hersteller Pressemitteilungen veröffentlichen, Unternehmen Produktdaten bereitstellen und Menschen ihre Erfahrungen in sozialen Netzwerken teilen. Auch KI kann bei Recherche und journalistischer Arbeit helfen. Aber wer überprüft die Behauptungen der Hersteller? Wer entdeckt Probleme, die in keiner Produktbeschreibung stehen? Wer widerspricht, wenn die offizielle Darstellung nicht zur Realität passt?
Und was passiert, wenn KI-generierte Inhalte zunehmend selbst wieder als Grundlage für neue KI-generierte Inhalte dienen? Ein Internet, in dem Maschinen die Texte anderer Maschinen zusammenfassen, korrigieren, neu formulieren und erneut veröffentlichen. Immer mehr Content, aber möglicherweise immer weniger echte Erkenntnisse.
Das wäre keine technische Revolution des Wissens. Das wäre eine gigantische Recyclinganlage für Informationen.
Heute Android Central. Und wer ist morgen dran?
Android Central ist kein isolierter Fall. Mit AnandTech und iMore sind bereits andere traditionsreiche Technikportale verschwunden. Bei Android Police gab es ebenfalls Entlassungen. Natürlich sind die Hintergründe unterschiedlich, und nicht jede Schließung lässt sich auf künstliche Intelligenz zurückführen. Sinkende Werbeeinnahmen, wirtschaftlicher Druck, veränderte Mediennutzung und fragwürdige Managemententscheidungen spielten schon lange vor ChatGPT eine Rolle.
Aber die KI kommt nun zu einer Branche hinzu, die ohnehin unter Druck steht. Und sie könnte diesen Prozess erheblich beschleunigen. Große Medienunternehmen können bekannte Marken übernehmen, Redaktionen verkleinern, Inhalte zentral produzieren und mehrere Portale mit möglichst geringem Aufwand weiterbetreiben. Solange die Domains noch Besucher anziehen und Einnahmen generieren, lässt sich damit Geld verdienen. Was dabei irgendwann verloren geht, ist die journalistische Identität. Übrig bleiben Webseiten, die äußerlich noch genauso aussehen wie früher, hinter denen aber kaum noch eine eigenständige Redaktion steht.
Nickinson beschreibt dieses Phänomen sinngemäß als einen schleichenden Tod. Und das finde ich fast noch beunruhigender als eine klassische Schließung. Vielleicht werden viele der bekannten Techportale gar nicht verschwinden. Vielleicht werden sie einfach immer leerer, beliebiger und austauschbarer, bis niemand mehr bemerkt, dass das eigentliche Medium längst gestorben ist.
Gleichzeitig entstehen unzählige neue Webseiten, deren Artikel bereits heute nahezu vollständig automatisiert produziert werden können. KI schreibt Nachrichten, erzeugt Bilder, optimiert Überschriften und veröffentlicht Inhalte. Was früher eine Redaktion benötigte, lässt sich technisch zunehmend als automatisierter Prozess abbilden.
Aber nur weil etwas veröffentlicht wird, ist es noch lange kein Journalismus.
Ein Blick ins Jahr 2036: Wem gehört dann eigentlich das Wissen?
Wagen wir einen düsteren Blick zehn Jahre in die Zukunft. Es ist Oktober 2036. Vielleicht öffnen wir dann überhaupt keine klassischen Suchmaschinen mehr. Stattdessen sprechen wir mit unserem digitalen Assistenten, der uns morgens die Nachrichten zusammenfasst, Produkte empfiehlt, Fragen beantwortet und direkt unsere Einkäufe erledigt.
Wir besuchen keine zehn Webseiten mehr, um uns über ein neues Smartphone zu informieren. Wir fragen unsere KI, welches Gerät wir kaufen sollen. Sie kennt unsere Vorlieben, unser Budget und unsere bisherigen Geräte. Sie zeigt uns drei Vorschläge und bestellt auf Wunsch direkt das passende Modell. Klingt bequem. Wahrscheinlich wird es das auch sein.
Aber wer entscheidet eigentlich, welche Informationen in dieser Antwort landen? Welche Tests werden berücksichtigt? Welche Meinungen fallen unter den Tisch? Und können wir noch erkennen, ob eine Empfehlung auf unabhängigen Erfahrungen, bezahlten Kooperationen oder schlicht auf den wirtschaftlichen Interessen der Plattform beruht?
Vielleicht existieren 2036 nur noch wenige große Informationsplattformen, deren Inhalte von KI-Systemen aufbereitet und an Milliarden Nutzer verteilt werden. Kleinere Webseiten könnten zur Randerscheinung werden, während unabhängige Journalisten in geschlossenen Communities, Newslettern oder kostenpflichtigen Angeboten um ihre Existenz kämpfen.
Vielleicht werden wir sogar wieder mehr für glaubwürdige Informationen bezahlen müssen, weil das werbefinanzierte Modell eines offenen Internets nicht mehr funktioniert. Oder wir gewöhnen uns schlicht daran, dass Informationen kostenlos erscheinen, ohne uns großartig dafür zu interessieren, woher sie stammen.
Das alles ist keine sichere Prognose. Es gibt auch Gründe, warum unabhängige Quellen künftig wertvoller werden könnten. Doch die Vorstellung, dass das offene Internet langsam zu einer unsichtbaren Datenquelle für einige wenige KI-Plattformen wird, erscheint mir inzwischen erschreckend plausibel.
Wir hätten dann Zugriff auf mehr Informationen als jemals zuvor, würden aber möglicherweise immer seltener erfahren, welche Menschen tatsächlich dahinterstehen.
Und was bleibt für kleine, unabhängige Techblogs?
Auch wir bei Techkrams stehen natürlich nicht außerhalb dieser Entwicklung. Es wäre ziemlich scheinheilig, über KI und die Zukunft des Internets zu schreiben, ohne sich zu fragen, welche Rolle das eigene Blog in zehn Jahren noch spielen könnte. Schließlich nutzen auch wir moderne Werkzeuge, beschäftigen uns mit KI und profitieren von technischen Entwicklungen, die gleichzeitig das Geschäftsmodell klassischer Webseiten verändern.
Vielleicht liegt die Zukunft kleiner Techblogs nicht darin, mit der Geschwindigkeit automatisierter Nachrichtenportale konkurrieren zu wollen. Vielleicht werden Persönlichkeit, eigene Erfahrungen, nachvollziehbare Tests und eine klare Haltung wichtiger als die hundertste Meldung über ein neues Smartphone. Vielleicht werden gerade die unabhängigen Seiten überleben, die ihren Lesern etwas bieten, das sich nicht beliebig zusammenfassen lässt.
Aber reicht das wirklich? Wie finanziert man unabhängige Inhalte, wenn immer weniger Menschen die Webseiten besuchen, auf denen sie erscheinen? Wie gewinnt man neue Leser, wenn KI-Assistenten bereits alle vermeintlich notwendigen Antworten liefern? Und wie soll eine neue Generation von Autoren entstehen, wenn sich journalistische Arbeit wirtschaftlich kaum noch lohnt?
Ich hätte darauf gerne eine überzeugende Antwort. Im Moment habe ich sie nicht.
Vielleicht merken wir erst zu spät, was wir verloren haben
Was mich an der Geschichte von Android Central besonders beschäftigt, ist nicht allein die Entlassung einer Redaktion. Es ist die Vorstellung, dass wir gerade dabei sind, einen Teil der Internetkultur zu verlieren, mit der viele von uns groß geworden sind. Ein Internet voller persönlicher Webseiten, leidenschaftlicher Blogs, streitbarer Autoren und Menschen, die etwas veröffentlicht haben, weil sie wirklich etwas zu erzählen hatten.
Natürlich war damals nicht alles besser. Und natürlich eröffnet KI fantastische Möglichkeiten, die wir nicht einfach ignorieren sollten. Aber Fortschritt hat eben auch seinen Preis. Nur bin ich mir nicht sicher, ob wir gerade verstehen, wie hoch dieser Preis am Ende ausfallen könnte.
Vielleicht wird die künstliche Intelligenz tatsächlich zum besten Werkzeug, das wir jemals hatten. Vielleicht macht sie Informationen zugänglicher, hilft unabhängigen Autoren und ermöglicht völlig neue Formen des Journalismus. Vielleicht werden kleine Blogs sogar eine Renaissance erleben, weil Menschen irgendwann genug von den glattgebügelten Antworten der Maschinen haben.
Oder wir stehen gerade am Anfang eines gewaltigen Mediensterbens, bei dem eine Webseite nach der anderen ihre Bedeutung verliert, bis irgendwann nur noch die großen Plattformen übrig sind.
Und wenn 2036 unsere KI alle Fragen beantworten kann, aber kaum noch jemand da ist, der neue Fragen stellt, recherchiert und eigene Erfahrungen veröffentlicht – was haben wir dann eigentlich gewonnen?
Vielleicht werden wir Android Central rückblickend nicht als einen weiteren traurigen Einzelfall betrachten. Sondern als eines von vielen Warnsignalen, die wir gesehen und trotzdem ignoriert haben.
Denn möglicherweise stirbt das Internet, das wir einmal kannten, nicht mit einem großen Knall.
Vielleicht hört irgendwann einfach niemand mehr auf, den nächsten Link zu klicken.
Quellen und weiterführende Links
Amen.