Es ist wieder soweit. Die Grillkohle glüht, das Bier ist kalt, die Fahnen hängen schief am Balkon und in Deutschland erwacht eine Spezies, die man sonst nur alle zwei Jahre beobachten kann: der Bundestrainer.
Nicht der Bundestrainer. Nein. Rund 84 Millionen.
Plötzlich weiß jeder alles besser. Der Nachbar, der beim Rückwärtsausparken drei Blumenkübel mitnimmt, erklärt dir im Brustton der Überzeugung, dass man heute zwingend mit einer asymmetrischen Doppel-Sechs spielen müsse.
Der Onkel, der beim Kegeln seit 1997 wegen Knieproblemen nicht mehr über den Anlauf kommt, fordert aggressiven Pressingfußball über 90 Minuten.
Und Günther. Günther hat seit 1984 kein Fußballspiel mehr gesehen, außer versehentlich beim Zappen. Aber Günther weiß sofort:
„Der muss raus!“
Wer?
„Der da!“
Welcher?
„Der mit den Schuhen!“
Mehr Analyse braucht es nicht.
Das Schöne an einer großen Fußballmeisterschaft ist ja, dass jeder plötzlich Experte wird. Gestern noch wusste niemand, was ein invertierter Außenverteidiger ist. Heute erklärt dir derselbe Mensch mit einer Bratwurst in der Hand und Senf auf dem T-Shirt, warum die Halbräume nicht sauber besetzt werden.
Halbräume. Vor drei Tagen dachte der noch, das wäre die Rückbank vom Opel Astra.
Die Aufstellung wird grundsätzlich fünf Minuten vor Anpfiff zerrissen.
„Wie? Der spielt? Was hat der Trainer denn gesoffen?“
Nach zehn Minuten:
„Hab ich doch gesagt.“
Nach zwanzig Minuten:
„Den hätte ich nie aufgestellt.“
Nach einem Tor:
„Ja gut… den hätte ich natürlich auch gebracht.“
Wobei das Tor an sich natürlich wissenschaftlich nicht zu unterschätzen ist. Skandinavische Wissenschaftler haben in einer breit angelegten Studie herausgefunden, dass ein Tor, sofern es regelkonform erzielt wurde, dazu führt, dass die betreffende Mannschaft einen Punkt erhält.
Das muss man erst einmal sacken lassen.
Jahrzehntelang haben wir über Systeme, Laufwege, Mentalität, Restverteidigung und vertikale Kompaktheit gesprochen. Dabei lag die Wahrheit offenbar die ganze Zeit nackt auf dem Rasen: Der Ball muss ins Tor. Dann steht da nicht mehr null.
Spätestens zur Halbzeit ist der komplette Trainerstab entlassen worden. Im Wohnzimmer. Vom Sofa aus.
Mit Bier.
Und Chips.
Man sitzt da wie König Artus persönlich und verteilt taktische Weisheiten.
„Ich hätte jetzt gewechselt.“
Natürlich hättest du das. Du wechselst ja sogar die Fernbedienung, wenn die Batterien leer sind.
Und dann fällt dieser eine Satz. Meistens in der 87. Minute eines zähen 0:0. Von einem Mann mit verschränkten Armen, der seit anderthalb Stunden schweigend vor dem Fernseher sitzt und gerade zum ersten Mal den Mund aufmacht:
„Ein Tor hätte dem Spiel gut getan.“
Bumm.
Da liegt er.
Der Satz.
Die ganze Fußballphilosophie in acht Wörtern. Kant hätte geheult. Nietzsche hätte den Couchtisch umgetreten. Heidegger hätte vermutlich irgendwas über das Sein im Strafraum geschrieben.
Denn natürlich hätte ein Tor dem Spiel gut getan. Es hätte den Spielstand verändert. Es hätte die Stimmung verändert. Es hätte den Gegner gezwungen, irgendwas zu machen. Es hätte den Kommentator geweckt. Es hätte vermutlich sogar den Hund interessiert.
Psychologisch steckt darin etwas zutiefst Menschliches. Der Mensch hasst Stillstand. Er braucht Ereignisse. Bewegung. Belohnung. Unser Gehirn ist auf Veränderung programmiert. Ein 0:0 ohne Torchancen fühlt sich an wie ein Montagmorgen im Bürgeramt.
Ein Tor wäre Erlösung.
Nicht wegen der drei Punkte.
Sondern weil endlich irgendwas passiert.
Ohne Tor ist Fußball reine Existenzphilosophie. Zweiundzwanzig Menschen laufen sinnlos über eine Wiese, verfolgen ein rundes Objekt und kehren nach 90 Minuten exakt dort an, wo sie begonnen haben.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch eine breit angelegte skandinavische Studie, vermutlich durchgeführt von sehr ernsten Männern in Wollpullovern, die zu einem bahnbrechenden Ergebnis kam: Schießt eine Mannschaft ein Tor, erhält sie dafür — sofern dieses regelkonform erzielt wurde — einen Punkt.
Das muss man erst einmal sacken lassen.
Jahrzehntelang haben wir über Systeme, Laufwege, Mentalität und Restverteidigung gesprochen. Dabei lag die Wahrheit offenbar die ganze Zeit vor uns: Der Ball muss ins Tor. Dann steht da nicht mehr null.
Psychologisch betrachtet ist das natürlich gewaltig. Denn ein erzieltes Tor verändert nicht nur den Spielstand, sondern auch das kollektive Nervenkostüm. Vorher: Grübeln. Danach: Bierdusche, Umarmung, Brüllen, völliger Kontrollverlust.
Philosophisch ist es fast noch größer. Das Tor ist der Beweis, dass Handlung Wirkung hat. Der Mensch tritt gegen einen Ball, der Ball überschreitet eine Linie, und plötzlich bekommt das Leben eine Zahl.
Besonders schön wird es, wenn jemand „früher“ sagt.
„Früher ham se noch Fußball gespielt.“
Ja genau. Früher liefen die Spieler auch mit Schnurrbart, drei Kilo Leder am Fuß und rauchten in der Halbzeit filterlose.
Damals war alles besser.
Außer die Plätze.
Die Ernährung.
Die Medizin.
Die Taktik.
Die Trainingsmethoden.
Aber sonst alles.
Die Krönung kommt nach dem Spiel.
Gewinnt Deutschland 4:0, war das selbstverständlich.
„Hab ich erwartet.“
Verliert die Mannschaft knapp gegen einen starken Gegner, ist sofort alles vorbei.
„Generation verweichlicht.“
„Keine Mentalität.“
„Früher hätte der Matthäus den Ball ins Tor getragen.“
Ja klar. Mit dem Fahrrad wahrscheinlich.
Und während Millionen Experten den Trainer austauschen, drei Spieler in Rente schicken und zwei Schiedsrichter vor ein imaginäres Tribunal stellen, sitzt der echte Nationaltrainer vermutlich im Hotel und denkt sich nur:
„Zum Glück müssen die das Internet nicht moderieren.“
Dabei ist das ganze Theater doch herrlich. Es gehört dazu wie klebrige Bierbänke, überteuerte Stadionwurst und der eine Typ, der bei jeder Ecke aufspringt und brüllt: „JETZT ABER!“
Obwohl der Ball noch gar nicht geschossen wurde.
Deutschland verwandelt sich während einer EM oder WM in das größte Trainerseminar der Welt. Jeder hat den Master in Fußballwissenschaften, abgeschlossen an der Volkshochschule „Ich hab früher Kreisliga C gespielt“.
Und genau deshalb liebe ich diese Zeit.
Weil wir alle für ein paar Wochen glauben, dass wir den besseren Kader nominiert hätten, den besseren Matchplan geschrieben hätten und natürlich den Elfmeter selbst eiskalt verwandelt hätten.
Bis der Ball dann wirklich vor unseren Füßen liegt.
Dann holen wir lieber noch zwei Bier.
Ist auch anstrengend, so ein Trainerjob.